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Humboldtbruder klein
Geschich­te des HGS

Schul­ge­bäu­de und Historie

Das Hum­boldt­gym­na­si­um blickt auf eine über 100jährige Geschich­te zurück. Dies scheint man­chem His­to­ri­ker nur eine kur­ze Span­ne zu sein, doch bedeu­tet sie viel für die Span­ne einer Schu­le, zumal die zuge­hö­ri­ge Zeit­ge­schich­te so über­reich an Ereig­nis­sen war und Schu­le über­all und jeder­zeit ein Spie­gel­bild der jeweils herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen ist. Das beweist auch die Geschich­te des Hum­boldt­gym­na­si­ums; jeder Wan­del der Welt außer­halb such­te und fand sei­ne Aus­wir­kung auch inner­halb der Schulmauern.

Die Wur­zeln des Humboldtgymnasiums

Schon der Wunsch nach einer eige­nen aner­kann­ten höhe­ren Schu­le war eine Fol­ge der fort­schrei­ten­den Ent­wick­lung der bei­den damals auf­blü­hen­den Städ­te Ohligs und Wald, die um 1900 zusam­men rund 40.000 Ein­woh­ner zähl­ten. Die bestehen­den höhe­ren Kna­ben­schu­len, wel­che die Klas­sen VI — UIII umfass­ten und von denen die Ohligser Schu­le ihre Anfän­ge bis 1858, die Wal­der noch wei­ter zurück­führ­te, ohne dass ein bestimm­tes Grün­dungs­jahr fest­ge­stellt wer­den könn­te, genüg­ten den Ansprü­chen nicht mehr.

So waren 1903 die schon lan­ge vor­han­den Bemü­hun­gen erfolg­reich, die­se bei­den Schu­len zusam­men­zu­le­gen und zu einer Real­schu­le aus­zu­bau­en. Man wähl­te den Typ der Real­schu­le, weil sie dem Bedürf­nis der über­wie­gend gewer­be­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung am ehes­ten ent­sprach und weil sie die von vorn­her­ein beab­sich­tig­te spä­te­re Anglie­de­rung eines Real­gym­na­si­ums erleich­ter­te. Denn die Real­schu­le hat­te die Spra­chen­fol­ge Fran­zö­sisch (VI ‑UII) und Eng­lisch (UIII — UII), so dass von UIII an ohne beson­de­ren Umbau ein Reform­re­al­gym­na­si­um (Fran­zö­sisch VI — OI, Latei­nisch UIII — OI, Eng­lisch UII ‑OI) ange­glie­dert wer­den konn­te. 1904 wur­de das Schul­ge­bäu­de am Wey­er ein­ge­weiht, 1905 fand die ers­te Schluss­prü­fung der Real­schu­le statt, 1906 wur­de ein Reform­re­al­pro­gym­na­si­um ange­glie­dert und 1907 wur­de beschlos­sen, das Real­gym­na­si­um zur Voll­an­stalt aus­zu­bau­en, der dadurch not­wen­di­ge Erwei­te­rungs­bau wur­de schon m Herbst 1908 voll­endet. Die ers­ten Abitu­ri­en­ten ver­lie­ßen 1912 die Schu­le; inzwi­schen war die Schü­ler­zahl von 204 (1904) auf 458 gestie­gen und außer dem Direk­tor lehr­ten 19 Lehr­kräf­te in 15 Klas­sen — außer­dem erteil­ten noch drei Pfar­rer neben­be­ruf­lich Religionsunterricht.

Die Zeit der bei­den Weltkriege

Trotz der Nöte und Schwie­rig­kei­ten wäh­rend des ers­ten Welt­krie­ges nahm die Schu­le einen wei­te­ren Auf­schwung; die Schü­ler­zahl stieg im letz­ten Kriegs­jahr (1918) auf 501, so dass in die­sem Jahr zum ers­ten Mal und dann wie­der 1924 eine drit­te Sex­ta ein­ge­rich­tet wurde.

Der Über­gang von der Mon­ar­chie zur demo­kra­ti­schen Repu­blik brach­te der Schu­le zunächst eine Erwei­te­rung der Schü­ler­selbst­ver­wal­tung (SV), die das Leh­rer­kol­le­gi­um aus eige­nem Antrieb schon 1919 ein­ge­führt hatte,“um die älte­ren Schü­ler zur äuße­ren Ord­nung und somit zur Mit­er­zie­hung ihrer jün­ge­ren Kame­ra­den her­an­zu­zie­hen und durch die Ver­mitt­lung von Ver­trau­ens­män­nern der ein­zel­nen Klas­sen das Ver­hält­nis zwi­schen Leh­rern und Schü­lern ver­trau­ens­vol­ler zu gestalten”.

Von 1920 an wähl­ten die Klas­sen UII — OI je drei Spre­cher, die zusam­men den Schü­ler­aus­schuss bil­de­ten, der das Recht hat­te, Direk­tor und Leh­rer­kol­le­gi­um Wün­sche und Anre­gun­gen der Schü­ler­schaft zu unterbreiten.

Im glei­chen Jahr wur­de auch die Ein­rich­tung der Eltern­bei­rä­te geschaf­fen, um ein enge Ver­hält­nis zwi­schen Schu­le und Eltern­haus herbeizuführen.

Die ein­schnei­dends­te Ände­rung jedoch ergab sich durch die Schul­re­form vom Jah­re 1925. Die Rei­hen­fol­ge des Latei­ni­schen und Eng­li­schen wech­sel­te, so dass nun­mehr der fran­zö­si­sche Unter­richt in VI (wie bis­her), der eng­li­sche in UIII, der latei­ni­sche in UII begann.

Der gemein­sa­me Unter­bau von Real­gym­na­si­um und Real­schu­le umfass­te jetzt also die Klas­sen VI — OIII, die Real­schu­le hat­te nur noch eine selb­stän­di­ge Klas­se, die UII r. Beson­ders bedeut­sam war aber, dass der Latein­un­ter­richt von UII an nur noch über 4 Wochen­stun­den ver­füg­te, wäh­rend er vor­her 8 Wochen­stun­den von UIII an umfass­te. Die Fol­ge war ein erheb­li­ches Absin­ken der Ergeb­nis­se des Lateinunterrichts.

Das Stre­ben nach einem enge­ren Ver­hält­nis zwi­schen Schüler‑, Eltern und Leh­rer­schaft führ­te 1932 zum ers­ten Schul­fest im Engels­ber­ger­hof. Es hat­te einen so gro­ßen Erfolg, dass es zu einer stän­di­gen Ein­rich­tung wur­de. Da sich die Schu­le auch bei ande­ren Anläs­sen in der Öffent­lich­keit dadurch aus­zeich­ne­te, dass sie immer mit einer gro­ßen Geschlos­sen­heit auf­trat, lag es nahe 1926 eine Schü­ler­marsch­ka­pel­le mit Tromm­ler- und Pfei­fer­korps zu gründen.

Dies alles waren Zei­chen dafür, dass sich die Ver­hält­nis­se nor­ma­li­sier­ten, dass die Ent­wick­lung der Schu­le wie­der in frie­dens­mä­ßi­gen Bah­nen ver­lief, in denen man nicht nur das Not­wen­di­ge son­dern auch das Wün­schens­wer­te tun konn­te. So wur­de das 25jährige Jubi­lä­um der Schu­le, des­sen musi­ka­li­schen Teil neben der Schü­ler­ka­pel­le auch das 1909 gegrün­de­te Schul­or­ches­ter bestritt, im Gefühl der Befrie­di­gung über das Erreich­te und in der Hoff­nung auf eine wei­te­re güns­ti­ge Ent­wick­lung der Schu­le gefei­ert. Der offi­zi­el­le Fest­akt, dem am Vor­abend ein Fackel­zug von Wald nach Ohligs vor­an­ge­gan­gen war, fand am Mor­gen des 21.5.1928 im Stadt­saal Wald statt, dem mit­tags ein Fest­essen in einem Hotel in Ohligs und abends ein gesel­li­ges Bei­sam­men­sein in der von Eltern und Schü­lern bis auf den letz­ten Platz besetz­ten Ohligser Fest­hal­le folgte.

1928 erfolg­te die Zusam­men­le­gung der vier Städ­te Ohligs, Wald, Höh­scheid und Grä­f­rath mit Solin­gen zu einer Großstadt.

Im Zuge der Ratio­na­li­sie­rung des nun­mehr groß­städ­ti­schen Schul­we­sens wur­de 1930 die höhe­re Mäd­chen­schu­le in Wald auf­ge­löst und die dort täti­gen Lehr­kräf­te auf die übri­gen Schu­len Solin­gens ver­teilt. Die beab­sich­tig­te Errich­tung eines Ohligs-Wal­der Ober­ly­ze­ums kam nicht mehr zustan­de, allein schon wegen der stär­ker ein­set­zen­den Welt­wirt­schafs­kri­se, die auch Deutsch­land schnell in ihren Bann zog. Für die Leh­rer des Hum­boldt­gym­na­si­ums hat­te das zur Fol­ge, dass die Pflicht­stun­den­zahl erhöht und die Pen­sio­nie­rungs­gren­ze auf 62 Jah­re her­ab­ge­setzt wur­de und die Schü­ler­zah­len erheb­lich absan­ken (z.B. 1934: 296)

Dem Ein­bruch des Natio­nal­so­zia­lis­mus in den Staat folg­te der Ein­bruch in die Schu­le. Die Hit­ler­ju­gend erhob schnell den Anspruch, als gleich­be­rech­tig­ter Erzie­hungs­fak­tor (“Jugend muß durch Jugend erzo­gen wer­den”) neben Eltern­haus und Schu­le zu tre­ten. Die Schu­le soll­te sich immer mehr dem “Dienst” in der HJ anpas­sen, die Jun­gen wur­den zu Lehr­gän­gen und Schu­lungs­la­gern ein­be­ru­fen, der “Staats­ju­gend­tag” wur­de ein­ge­führt. So ent­stand ein dau­ern­der stil­ler Kampf um die Jugend, in dem sich die Eltern auch unse­rer Schu­le immer mehr auf die Sei­te der Schu­le stell­ten, da sie , so sehr auch vie­len Jun­gen die­se Lebens­form gefal­len moch­te, die unver­meid­ba­ren Schä­den einer stets gerin­ger und ober­fläch­li­cher wer­den­den Schul­bil­dung erkannten.

Zudem wur­de der Unter­richt weit­ge­hend in Mit­lei­den­schaft gezo­gen durch zahl­rei­che Fes­te, an denen sich die Schu­le betei­li­gen muss­te; fer­ner durch die zwei- oder drei­wö­chi­gen soge­nann­ten natio­nal­po­li­ti­schen Lehr­gän­ge in Jugend­her­ber­gen und Schul­land­hei­men, wobei jedoch der grö­ße­re Teil der Leh­rer ver­such­te, die­se Ein­rich­tung, soweit wie mög­lich, in hei­mat- und volks­kund­li­chem Sin­ne nutz­bar für die Schü­ler nutz­bar zu machen. Des Wei­te­ren wur­de der Lehr­stoff in den ein­zel­nen Unter­richts­fä­chern stark umge­stal­tet. Die Bio­lo­gie soll­te Ras­se­kun­de und Ver­er­bungs­leh­re in den Vor­der­grund stel­len. In den mitt­le­ren Klas­sen wur­den Flug­zeug­mo­dell­bau­kur­se ein­ge­rich­tet, im Phy­sik­un­ter­richt der mitt­le­ren Klas­sen war die Phy­sik des Flie­gens und des Flug­zeu­ges zu behan­deln. Die obe­ren Klas­sen soll­ten dem prak­ti­schen Segel­sport zuge­führt und in Arbeits­ge­mein­schaf­ten für Flug­wis­sen­schaft zusam­men­ge­fasst wer­den. Wenn die­se For­de­run­gen z.T. auch ohne den Natio­nal­so­zia­lis­mus im Zuge der Zeit lagen, so waren sie damals jeden­falls in der Absicht vor­mi­li­tä­ri­scher Erzie­hung angeordnet.

Das Schlimms­te aber war, dass auch bei uns jene Atmo­sphä­re der Beob­ach­tung, ja der Bespit­ze­lung auf der einen Sei­te, des Miss­trau­ens und Ver­steck­spiels auf der ande­ren ent­stan­den, die damals das gan­ze Volk durch­zog. Die­sem Sys­tem fiel auch der dama­li­ge Schul­lei­ter zum Opfer, der trotz äuße­rer Kor­rekt­heit sei­ne wah­re Gesin­nung nicht ver­ber­gen konn­te, dem man 1939 den Pro­zess mach­te und ihn in den Ruhe­stand versetzte.

In die­se Zeit, und zwar in das Jahr 1935, fiel die Umbe­nen­nung der Schu­le in “Hum­boldt-Real­gym­na­si­um Solin­gen”. Sie war eine Fol­ge der zen­tra­lis­ti­schen Bestre­bung der dama­li­gen Solin­ger Stadt­ver­wal­tung, die über­all den Namen Solin­gen in Erschei­nung tre­ten las­sen woll­te. Für die Wahl des neu­en Namens waren rein äuße­re Grün­de maß­ge­bend: zur Zeit der Errich­tung der Schu­le hat­te man die an der Schu­le vor­bei­füh­ren­de Stra­ße “Hum­boldt­stra­ße” benannt; der Name führ­te dann 1935 dazu, den­sel­ben Namen auch der Schu­le zu geben, ein Name, der ange­sichts der Ver­diens­te ins­be­son­de­re Wil­helm von Hum­boldts um das höhe­re Schul­we­sen zwei­fel­los mehr als berech­tigt war, der aber auch zeig­te, wie ahnungs­los die damals zustän­di­gen Behör­den waren, indem sie die Geneh­mi­gung zur Füh­rung eines Namens erteil­ten, der in sei­nem libe­ra­len, uni­ver­sa­len, ja phi­lo­se­mi­ti­schen Trä­gern alles ande­re als ein natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Sym­bol darstellte.

Zwei Jah­re spä­ter, 1937, erfolg­te die Kür­zung der höhe­ren Schu­le um ein Jahr auf acht Jah­re, damit die Abitu­ri­en­ten ein Jahr frü­her dem Arbeits- und Wehr­dienst zuge­führt wer­den konn­ten. Der Leis­tungs­grad, der durch die zuneh­men­de außer­schu­li­sche Inan­spruch­nah­me der Jun­gen stän­dig gesun­ken war, fiel dadurch rapide.

Im fol­gen­den Jahr, 1938, ver­wan­del­te dann eine völ­li­ge Neu­ord­nung des höhe­ren Schul­we­sens alle Schu­len in “Deut­sche Ober­schu­len”. Hier­bei wur­de die Spra­chen­fol­ge grund­le­gend geän­dert. Die ers­te Fremd­spra­che wur­de Eng­lisch, die zwei­te Latei­nisch (von Klas­se 8 an; die latei­ni­schen Bezeich­nun­gen Sex­ta usw. wur­den eben­so abge­schafft wie die Schülermützen).

Die Ober­stu­fe wur­de in einen sprach­li­chen und in einen mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Zweig gega­belt, so dass Fran­zö­sisch nur noch in dem sprach­li­chen Zweig der Ober­stu­fe erlernt wer­den konnte.

Der Unter­richt in Deutsch, Geschich­te und Erd­kun­de wur­de verstärkt.

Die Bio­lo­gie erhielt in allen Klas­sen zwei Wochenstunden.

Die Zahl der wöchent­li­chen Turn­stun­den wur­de auf fünf erhöht.

Die Reli­gi­ons­leh­re wur­de von der sechs­ten Klas­se an auf eine Wochen­stun­de beschränkt und spä­ter nur noch in den Klas­sen 5 bis 9 unterrichtet.

Die Schu­le wur­de wie­der umbe­nannt, dies­mal in “Hum­boldt­schu­le Solin­gen” mit dem Unter­ti­tel “Ober­schu­le für Jun­gen”; der Real­schul­zweig fiel end­gül­tig weg.

Mit dem Beginn des zwei­ten Welt­krie­ges nah­men die Stö­run­gen des Schul­le­bens natur­ge­mäß in stets stär­ker wer­den­dem Maße zu. Aus dem Leh­rer­kol­le­gi­um wur­den immer mehr zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen und in zuneh­men­den Maße durch Damen ersetzt.

Im ers­ten und letz­ten Kriegs­jahr waren Tei­le des Schul­ge­bäu­des durch mili­tä­ri­sche Abtei­lun­gen belegt. Die Schü­ler der obe­ren Klas­se wur­den in immer kür­zer wer­den­den Abstän­den zu vor­mi­li­tä­ri­schen Übun­gen und Ern­te­ein­sät­zen (u.a. auch in der Lüne­bur­ger Hei­de) einberufen.

Vor allem aber grif­fen die all­mäh­lich häu­fi­ger wer­den­den Luft­alar­me immer stär­ker in das Schul­le­ben ein. Bei nächt­li­chen Alar­men muss­te die ers­te oder die bei­den ers­ten Stun­den frei­ge­ben wer­den, um den jün­ge­ren Schü­lern die Mög­lich­keit zum Aus­schla­fen zu geben, wäh­rend die Leh­rer und Schü­ler der obe­ren Klas­sen nachts eine Luft­schutz­wa­che im Schul­ge­bäu­de zu stel­len hat­ten. Als seit 1943 die Tagesalar­me hin­zu­ka­men, muss­ten immer häu­fi­ger die in jeder Hin­sicht unzu­läng­li­chen Schutz­räu­me auf­ge­sucht werden.

Anfang 1944 wur­de die Hum­boldt­schu­le mit sofor­ti­ger Wir­kung geschlos­sen und in das weni­ger luft­ge­fähr­de­te Ober­hof in Thü­rin­gen verlegt.

Die Ein­ge­wöh­nung in die neue Umge­bung und das Lager­le­ben bedeu­te­ten für Schü­ler und Leh­rer eine erheb­li­che Umstel­lung, der nicht alle gewach­sen waren, so dass schon in den ers­ten Tagen eini­ge Kin­der wegen Heim­wehs nach Hau­se geschickt wer­den muss­ten. Im Gan­zen aber konn­te der Bestand wäh­rend des ers­ten Halb­jah­res gehal­ten wer­den, da zunächst Daheim­ge­blie­be­ne spä­ter nach­fuh­ren, denn die in der August-Dicke-Schu­le ein­ge­rich­te­te Sam­mel­schu­le durf­ten nur die besu­chen, denen ein amts­ärzt­li­ches Attest beschei­nig­te, dass sie zur Ver­schi­ckung untaug­lich waren.

Inzwi­schen mach­te sich in Ober­hof ein Miss­stand fühl­bar, der sich auf die Dau­er unheil­voll aus­wirk­te: der stän­di­ge Wider­streit zwi­schen den schu­li­schen Belan­gen und den Bemü­hun­gen der HJ (Hit­ler­ju­gend). Über die Lager­mann­schafts­füh­rer (die nicht zur Schu­le gehör­ten) und die Wirt­schafts­lei­te­rin­nen such­te sie immer stär­ker Ein­fluss auf die Jun­gen zu gewin­nen. Sie woll­te von einer ver­leg­ten Hum­boldt­schu­le nichts wis­sen, son­dern nur von Pimp­fen im KLV-Lager (Kin­der­ver­schi­ckungs­la­ger). Die Eltern soll­ten mög­lichst fern­ge­hal­ten wer­den. Täg­li­cher HJ-Dienst und häu­fi­ge Lager­be­sich­ti­gun­gen durch HJ-Füh­rer soll­ten die Schü­ler dazu brin­gen, Schu­le und Unter­richt als zweit­ran­gig zu betrach­ten. Dage­gen wehr­te sich aber die Leh­rer­schaft ener­gisch, da die Eltern sich zu einer Tren­nung von ihren Kin­dern doch nur des­halb ent­schlos­sen hat­ten, um einen gere­gel­ten und unge­stör­ten Unter­richt zu sichern.

So kam es bald zu ernst­haf­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen, vor­nehm­lich in der Fra­ge der Feri­en­ge­stal­tung. Für die Oster­fe­ri­en wur­de den Schü­lern eine Heim­rei­se nicht gestat­tet. Als dann die meis­ten Eltern ihre Kin­der kur­zer­hand für die Feri­en selbst nach Hau­se hol­ten, wur­den zur Stra­fe für die­se Eigen­mäch­tig­keit die 94 Schü­ler, die aus den Feri­en zurück­kehr­ten, ohne Rück­sicht auf die Klas­sen­stu­fen bunt durch­ein­an­der nach Schmie­de­feld, Mei­ni­gen und Fins­ter­ber­gen ver­legt. Erst nach lan­gen Ver­hand­lun­gen gelang es, die Schü­ler wie­der an einen Ort, und zwar nach Fins­ter­ber­gen bei Gotha zusam­men­zu­zie­hen (Sep­tem­ber 1944). Hier waren die Kin­der in drei Pen­sio­nen wesent­lich schlech­ter unter­ge­bracht als in Ober­hof. Da die Mehr­zahl der Leh­rer Zim­mer in die­sen Häu­sern nicht zuge­stan­den wur­den, war eine Betreu­ung außer­halb der Unter­richts­zeit fast illu­so­risch. Auch die Koh­le­zu­tei­lung wur­de immer gerin­ger, so dass in der Frei­zeit Leh­rer und Schü­ler in den Wald zogen, um Brenn­ma­te­ri­al zu sam­meln. Schließ­lich muss­ten sogar Bäu­me gefällt wer­den, nach Hau­se beför­dert und zer­klei­nert werden.

In der letz­ten Zeit schließ­lich wur­de der Unter­richt häu­fig wegen Flie­ger­alarm unter­bro­chen, obwohl Luft­schutz­räu­me nicht vor­han­den waren. So erschie­nen immer mehr Eltern in Fins­ter­ber­gen, um ihre Kin­der auch gegen den Wil­len der Behör­de zurück­zu­ho­len. 56 Jun­gen waren noch zurück­ge­blie­ben, als am 9.April 1945 — 8 Tage vor der Beset­zung Solin­gens — die Ame­ri­ka­ner in Fins­ter­ber­gen ein­rück­ten. Da die Rück­füh­rung in die Hei­mat von den ame­ri­ka­ni­schen Dienst­stel­len nicht geneh­migt wur­de, mach­ten sich Schü­ler und Leh­rer nach und nach trupp­wei­se auf die Heim­wan­de­rung und kamen auch alle wohl­be­hal­ten zu Hau­se an.

Ein Last­wa­gen, der einen Monat spä­ter von der Stadt­ver­wal­tung Solin­gen aus­ge­sandt wur­de, um das in Fins­ter­ber­gen ver­blie­be­ne Eigen­tum der Schü­ler und der Schu­le zurück­zu­füh­ren, kam nur noch bis Wer­ra; dort ver­wehr­ten ihm rus­si­sche Pos­ten die Weiterfahrt.

In der Schu­le selbst wur­den 1944–45 die Schü­ler unter­rich­tet, die zum Dienst als Luft­waf­fen­hel­fer noch nicht ver­pflich­tet oder taug­lich waren. Am 31.12.44 wur­de das Schul­ge­bäu­de durch Luft­an­griff erheb­lich beschä­digt, doch infol­ge der Bele­gung durch mili­tä­ri­sche Abtei­lun­gen not­dürf­tig wie­der instand gesetzt. Auch die in Ohligs und Wald woh­nen­den Mäd­chen der August-Dicke-Schu­le, die ihre eige­ne Schu­le nicht mehr errei­chen konn­ten, da die Stra­ßen­bahn durch den Luft­an­griff lahm gelegt war, besuch­ten unse­re Schu­le. Der Unter­richt ende­te am 14.4.1945. Am 16.4.1945 rück­ten auch in Solin­gen die Ame­ri­ka­ner ein.

Neu­er Anfang

Vom 16.4.1945 bis zum 30.9.1945 war die Schu­le auf Anord­nung der Mili­tär­re­gie­rung geschlos­sen. Bei der Neu­öff­nung des Gym­na­si­ums blieb das Kenn­zei­chen einer starr fest­ge­leg­ten Spra­chen­fol­ge erhal­ten, nur dass an Stel­le von Eng­lisch jetzt von Sex­ta an (die alten Klas­sen­be­zeich­nun­gen wur­den wie­der ein­ge­führt) Latei­nisch, von Quar­ta an Eng­lisch und im neu­sprach­li­chen Gym­na­si­um, das man für das Hum­boldt­gym­na­si­um der Tra­di­ti­on ent­spre­chend wähl­te, von UIII an Fran­zö­sisch gewählt wurde.

Die Dau­er der Schu­le war nun so, dass nach dem Wil­len der dama­li­gen Refor­mer alle Schü­ler die gan­ze Schu­le durch­lau­fen soll­ten. Eine mitt­le­re Rei­fe soll­te es nicht geben. Für die­je­ni­gen, die einen nur sechs­jäh­ri­gen Lehr­gang durch­lau­fen woll­ten, soll­ten Mit­tel­schu­len ein­ge­rich­tet wer­den, wel­che die Bezeich­nung “Real­schu­le” erhiel­ten. Die heu­ti­ge Real­schu­le darf also nicht mit der frü­he­ren Real­schu­le, wie sie von 1903–38 in Ohligs bestan­den hat, ver­wech­selt werden.

Der Reli­gi­ons­un­ter­richt wur­de wie­der mit zwei Wochen­stun­den ein­ge­setzt und der Unter­richt in Lei­bens­übun­gen auf zwei Wochen­stun­den gekürzt. 1950 wur­de eine freie­re Gestal­tung der bei­den Abschluss­klas­sen ein­ge­führt; in allen Schul­fä­chern konn­ten Arbeits­ge­mein­schaf­ten gebil­det wer­den, an denen Schü­ler je nach Wahl teil­nah­men; außer­dem bestan­den am Hum­boldt­gym­na­si­um Arbeits­ge­mein­schaf­ten in Phi­lo­so­phie, Spa­nisch und Gegen­warts- bzw. Rechts- und Wirt­schafts­kun­de. Von der inzwi­schen gebo­te­nen Mög­lich­keit, eine Sex­ta mit Eng­lisch begin­nen zu las­sen, mach­te unse­re Schu­le seit 1951 Gebrauch; die­se Sex­ta­ner erhiel­ten Latein­un­ter­richt erst von Quar­ta an. Ein immer noch stark beschä­dig­tes Gebäu­de, kei­ne Hei­zung, stei­gen­de Schü­ler­zah­len, star­ker Raum- und Leh­rer­man­gel präg­ten das dama­li­ge Bild.

Kriegs­teil­neh­mer, deren Rei­fe- oder Vor­se­mes­ter­ver­merk nicht mehr aner­kannt wur­de, kehr­ten auf die Schu­le zurück und muss­ten in Son­der­lehr­gän­gen (ins­ge­samt vier) zur Rei­fe­prü­fung her­an­ge­bil­det wer­den. Der letz­te Son­der­lehr­gang wur­de 1949 ent­las­sen, zum glei­chen Zeit­punkt, an dem auch die ers­ten Abitu­ri­en­ten mit wie­der neun­jäh­ri­gem Aus­bil­dungs­gang die Schu­le verließen.

Dazu kam, dass die Schu­le auch dem Lyze­um, das vom 1.7.1944 bis zum 31.7.1948 der Lei­tung der Hum­boldt­schu­le unter­stellt war, über 5 Jah­re lang Gast­recht gewäh­ren muss­te, was durch Wech­sel­un­ter­richt (je eine Woche vor- bzw. nach­mit­tags) ermög­licht wur­de. Am 15.04.1953 fei­ert unse­re Schu­le ihr 50jähriges Bestehen. Es fan­den Fest­got­tes­diens­te in der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kir­che in Ohligs statt. Nach­mit­tags und abends wur­de Eltern, Leh­rern und Freun­den der Schu­le in der Turn­hal­le des Wald-Mer­schei­der Turn­ver­eins ein Pro­gramm gebo­ten, das vor­wie­gend von Schü­lern gestal­tet war. Im Jubi­lä­ums­jahr zähl­te die Schu­le 577 Schü­ler, die von 27 haupt­amt­li­chen und drei neben­amt­li­chen Lehr­kräf­ten unter­rich­tet wurden.

Die letz­ten 50 Jahre

Die zwei­te Hälf­te des ers­ten Jahr­hun­derts der Schul­ge­schich­te wird in knap­per Über­sicht dargestellt:

1956:

Die dies­jäh­ri­gen Ban­ner­wett­kämp­fe rich­tet die Stadt Solin­gen aus, das Hum­boldt­gym­na­si­um wird zum sechs­ten Mal Sieger.

1971:

Die Koedu­ka­ti­on wird ein­ge­führt; das neu­sprach­li­che Hum­boldt­gym­na­si­um erhält einen natur­wis­sen­schaft­li­chen Zweig.

1972:

Mit der Reform der Mit­tel­stu­fe wer­den die Gym­na­si­en ent­ty­pi­siert (Es gibt nicht mehr das alt­sprach­li­che, neu­sprach­li­che und natur­wis­sen­schaft­li­che Gym­na­si­um). In den Klas­sen 9 und 10 (die alten Klas­sen­be­zeich­nun­gen wer­den abge­schafft) wird der Schü­ler nach sei­ner Wahl in der 3. Fremd­pra­che (meist Fran­zö­sisch) oder in zwei zwei­stün­di­gen Auf­bau- oder För­der­kur­sen in bekann­ten Fächern unter­rich­tet. Mit die­sem Jahr neh­men regel­mä­ßig die 10. Klas­sen des Hum­boldt­gym­na­si­ums an einem Ski­lehr­gang in den Alpen teil. Die Ober­stu­fen­re­form wird in Nord­rhein-West­fa­len ein­ge­führt. In den Klas­sen 11–13 wird der Klas­sen­ver­band auf­ge­löst; der Schü­ler wählt 2 Leis­tungs­kur­se (6stündig) und min­des­tens 6 Grund­kur­se. Um ein mög­lichst gro­ßes Angebt zu sichern, koope­riert das Hum­boldt­gym­na­si­um mit dem Gym­na­si­um Vogel­sang in den Klas­sen 9–13.

1975:

Mit dem Neu­bau des Haupt­ge­bäu­des und der Sport­hal­le wird begonnen.

1978:

Am 15.04.1978 fei­ert das HGS sein 75jähriges Bestehen. Schü­ler, Eltern und Freun­de der Schu­le wer­den zu einem Chor­kon­zert ins Päd­ago­gi­sche Zen­trum der Schu­le eingeladen.

1985:

In der letz­ten Janu­ar- und in der ers­ten Febru­ar­wo­che fah­ren die zehn­ten Klas­sen zum zehn­ten Mal nach Balderschwang.

1988:

Die Hum­boldt Jazz­band gibt im April ihre ers­te Session.

1993:

Der USA-Aus­tausch beginnt mit dem Besuch eini­ger Ober­stu­fen­schü­ler in Naperville

1995:

Zum zwan­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­um der Bal­der­schwang­fahr­ten wer­den Geschen­ke mit den Gast­ge­bern ausgetauscht.

1996:

Der Kon­takt zur Wil­helm-Hart­schen-Schu­le für Behin­der­te beginnt mit einem gemein­sa­men Sportfest.

2001:

Eine Part­ner­schaft mit einer dau­er­haf­ten Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem Land­schafts­ver­band Rhei­ni­sches Indus­trie­mu­se­um, Gesenk­schmie­de Hend­richs, und dem Hum­boldt­gym­na­si­um wird am 22. Mai mit einer Schü­ler­ket­te und Ver­trags­un­ter­schrift besiegelt.

2002:

Der Neu­bau an der Bebel­al­lee, der neue Musik- und Mehr­zweck­raum und die neu­en natur­wis­sen­schaft­li­chen Räu­me wer­den eingeweiht.

2003:

Das Hum­boldt­gym­na­si­um fei­ert das hun­dert­jäh­ri­ge Bestehen der Schu­le mit einer ein­wö­chi­gen Pro­jekt­wo­che und einem Fest­akt, bei dem 100 Minu­ten ca. 300 Schüler/innen kalei­do­sko­par­tig die Geschich­te der Schu­le und ihr jet­zi­ges Selbst­ver­ständ­nis dar­stel­len. Zum Abschluss der Fest­wo­che tref­fen sich Ehe­ma­li­ge und Leh­rer am 26. Juli zu einem gro­ßen Fest.