Inklusion am Humboldtgymnasium

Seit fast zwei Jahren unterrichten wir am Humboldtgymnasium Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Die erste offizielle Eingangsklasse geht bald ins zweite Jahr – Zeit für eine Bestandsaufnahme. Erschien die Aufgabe lernbehinderte und geistig behinderte Kinder zusammen mit Gymnasialschülern zu unterrichten, zu Beginn unlösbar zu sein, so ist nun festzustellen, dass die Lehrerinnen und Lehrer am HGS sich dieser Herausforderung stellen und sie meistern. Wir besinnen uns darauf, dass wir immer schon Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Begabungen und Herausforderungen – mit Erfolg - unterrichtet haben und knüpfen an diese vorhandenen Standards an.


Die Praxis zeigt, dass sich unsere Entscheidung, die Kinder mit Förderbedarf auf alle Eingangsklassen zu verteilen, bewährt. So ist es nichts Besonderes, wenn ein Schüler den Unterricht z.B. in Mathematik anstatt im Klassenverband in der Fördergruppe wahrnimmt. Die Mitschüler helfen im gemeinsamen Unterricht, an den Veranstaltungen im Klassenverband wie z.B. Ausflügen, Klassenfahrten etc. nehmen alle Kinder teil. Es gibt neben der Förderung der Hochbegabten ganz selbstverständlich die der weniger Begabten.


So sieht Vielfalt am HGS aus.

 

Cornelia Bärens, StD', Mai 2015

 

Wissenswertes in Kürze

Abschlüsse
Die Schüler mit Förderbedarf Lernen und geistige Entwicklung werden zieldifferent unterrichtet und erhalten bei günstiger Entwicklung den Hauptschulabschluss Klasse 9 nach 10 Jahren, bei sehr guter Entwicklung den Hauptschulabschluss Klasse 10A, dazu ist die erfolgreiche Teilnahme an den zentralen Abschlussprüfungen für die Hauptschule notwendig. Beide berechtigen dazu eine Ausbildung zu beginnen.
Es ist noch unklar, ob die Klasse 10 an der Stammschule besucht wird, am Gymnasium wäre das die EF. Aber unsere zieldifferenten Schüler sind erst in Klasse 5, bis dahin ist also noch etwas Zeit.
Die ES-Schüler werden zielgleich unterrichtet, das ist zwingend. Wenn sie z.B. die Erprobungsstufe nicht erfolgreich absolvieren, müssen sie das Gymnasium verlassen. Ein Nachteilsausgleich kommt bei verhaltensgestörten Kindern, die den Förderschwerpunkt ES haben, i. d. R. nicht in Betracht, es sei denn, es kommen weitere Störungen wie LRS dazu. Die ES- Schüler streben also das Abitur an.

Gemeinsamer Unterricht
Der gemeinsame Unterricht findet vorzugsweise in den Fächern Kunst, Sport, Religion, zum Teil auch in Geschichte, Erdkunde, Biologie und Physik statt. Das Material für den gemeinsamen Unterricht stellt Herr Dr. Ern in Absprache mit dem Fachlehrer zur Verfügung. Regelmäßige Treffen in den einzelnen Lernbereichen können klassenübergreifend zu einem hohen Maß an Absprachen beitragen.

Förderbedarf
Die Schüler, die zu uns kommen, haben in der Regel bereits einen festgestellten Förderbedarf entweder im Bereich Lernen (LE), geistige Entwicklung (GG) oder sozial-emotionale Entwicklung (ES). In ganz wenigen Ausnahmen wird ein Antrag auf sonderpädagogische Förderung (AO-SF Antrag) an der allgemeinen Schule gestellt, dies ist auch nur bis zum Ende der Klasse 6 und in der Regel nur einvernehmlich mit den Eltern möglich. Langfristig soll die Etikettierung durch den festgestellten Förderschwerpunkt vermieden werden, d.h. die Förderbedarfe werden in der Schule festgestellt und es wird entsprechend gefördert. Der Sonderpädagoge und der Klassenlehrer arbeiten mit außerschulischen Institutionen wie z.B. dem schulpsychologischen Dienst oder dem Autismusbeauftragten zusammen.
Förderbedarfe können aufgehoben, Förderschwerpunkte geändert werden. Dazu bedarf es des Votums der Klassenkonferenz.

Förderstunden
Der Unterricht der zieldifferent zu unterrichtenden Schüler besteht in Klasse 5 etwa zur Hälfte aus Förderunterricht in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch. Wenn in Klasse 6 die zweite Fremdsprache hinzukommt, werden die Förderschüler vier Stunden zusätzlichen Fachunterricht bekommen, z.B. Arbeitslehre.
Die zielgleich zu unterrichtenden Schüler haben ebenfalls einen Anspruch auf Förderstunden laut AO-SF- Bescheid. Inhalte können sein: Lernorganisation, Konzentrationsübungen, soziales Training. Wenn sie angesetzt werden, sind sie verpflichtend.

Förderraum
Die Räume 217 und 218 sind Förder- oder auch Differenzierungsräume. Im Nachmittagsbereich findet dort die Hausaufgabenbetreuung statt. Für andere Zwecke stehen sie nicht zur Verfügung.

Fortbildungen
Folgende schulinterne Lehrerfortbildungen finden in den nächsten beiden Halbjahren statt:
- Drei Module zum Thema ‚Autismus und Autismus-Spektrum-Störungen' für die Kollegen, die ein Kind mit dieser Symptomatik in ihrer Klasse haben
- Festlegung von Inhalten und Lernzielen für die zieldifferent zu unterrichtenden Schüler in der zukünftigen 6. Klasse für alle Kollegen, die in diesem Jahrgang unterrichten

Klassenkonferenz
Die Klassenkonferenz entscheidet über den Bestand von Förderbedarfen und Förderschwerpunkten. Sie wird gehört bei der Entscheidung über den Einsatz von Integrationshelfern. Sie entscheidet bei GG-Schülern darüber, ob diese Englisch- Unterricht bekommen, was lt. Schulgesetz nicht vorgesehen ist. Sie berät über die schrittweise Einführung von Noten. Ebenfalls wird sie beteiligt, wenn der GU und der Förderunterricht für jeden Schüler festgelegt werden. Die Stundenpläne wechseln ggf. zum Halbjahr.

Stundenpläne der Schüler
Die Koordinatorin für Inklusion erstellt in Zusammenarbeit mit dem Sonderpädagogen und in Rücksprache mit dem Schulleiter im Anschluss an die Beratungen in den Konferenzen die Stundenpläne. Folgende Kriterien sind dabei u.a. wirksam:
- Notwendigkeit der besonderen Förderung (z.B. in Mathematik zu Ungunsten eines anderen Fachs für einen begrenzten Zeitraum)
- Gemeinsamer Förderunterricht in den Kernfächern, um relative Leistungshomogenität zu erzielen
- Hoher Abstraktionsgrad im GU überfordert die Förderschüler, um einen Lernerfolg zu erreichen, wird dieses Fach im Förderunterricht erteilt. Dies gilt im Augenblick vor allem für Englisch.
- In den Randstunden ist die Konzentrationsfähigkeit bei den Förderschülern häufig nicht mehr in ausreichendem Maße vorhanden um dem Unterricht sinnvoll folgen zu können.

Zusammensetzung der Klassen
Die am HGS angemeldeten Inklusionsschüler werden gleichmäßig auf alle Eingangsklassen verteilt. Die Koordinatorin führt spätestens nach der Anmeldung Beratungsgespräche mit den Eltern. Sie nimmt Kontakt zu den abgebenden GS auf, nimmt, wenn gewünscht, auch an Hilfeplangesprächen (HPGS) teil und lernt die Integrationshelfer kennen. So wissen wir vor Einteilung der Klassen bereits einiges über die Schüler. Wenn die Klassenleitungen feststehen, können diese ihr Inklusionskind in der Grundschule besuchen. Auch ein Schnuppertag an der neuen Schule ist auf Wunsch der Eltern und des Kindes möglich, dies ist für Kinder, die sich mit Wechseln besonders schwertun, eine Erleichterung.

Inklusion am HGS - gelebte Vielfalt - unterliegt wie jeder Unterricht einem ständigen Evaluationsprozess, in dem alle Beteiligten voneinander lernen.

   
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