Zeitzeugenbesuch

zeitzeugen1Shoshana Direnfeld war 12 Jahre alt, als sie von einem auf den anderen Tag die Schule verlassen und einen gelben Stern tragen musste. Gestern saß die 1928 in Cluj, Siebenbürgen geborene Israelin in der Mediothek des Humboldtgymnasiums und erzählte vom Schicksal ihrer Familie und der rumänisch-ungarischen Juden, die Hitler erst 1944 deportieren und ermorden ließ.

„Ich verstehe es bis heute nicht, wie so etwas passieren konnte. Es kommt mir vor wie ein Film." Direnfeld sprach mit leiser aber fester Stimme vor den Jugendlichen, die im April Austauschschüler aus Tel Aviv erwarten. Mit ihren eigenen Kindern will Direnfeld nicht über ihre Erlebnisse in Auschwitz sprechen, über die Begegnung mit Dr. Mengele, der Experimente an jüdischen Kindern vornahm, über die Zwangsarbeit in Tschechien, die ihr das Leben rettete. Die Eltern und vier Geschwister hat sie verloren. Als das Weiterleben nach der Befreiung im kommunistischen Rumänien unerträglich wurde, ging sie nach Israel.

Auch Pnina Kaufmann zog 1957 mit ihren Eltern nach Israel. Sie wurde 1946 im polnischen Lodz geboren und wuchs mit der Hölle auf, die ihre Eltern durchgemacht hatten. „Sie haben jeden Tag davon erzählt, jede Nacht davon geträumt." Ihr Vater erhoffte sich vom Kommunismus, dass endlich alle Menschen gleich sein würden, aber der Antisemitismus in Polen blieb virulent. „Erst in Israel wurde ich neu geboren. Ich war 10 Jahre alt und durfte stolz sein," beschrieb Kaufmann, was ihr der jüdische Staat gegeben hat. „Wir Jugendlichen fingen an, uns für unsere Eltern zu schämen. Warum haben sie sich nicht gewehrt? Später, als wir sie verstanden, hatten wir ein schlechtes Gewissen." Dass sie sich ausgerechnet in einen Deutschen verliebte und mit ihm ins Land der Täter ging, war für ihren Vater kaum zu ertragen. Eine Schülerin fragte, wie es für sie selber gewesen sei nach Deutschland zu kommen. „Ich war überzeugt, dass es ein anderes Deutschland war. Heute bin ich nicht mehr so sicher." Es komme darauf an, Verantwortung zu übernehmen und das höre nie auf, waren sich die beiden Frauen einig. Lehrer Rolf-Joachim Lagoda dankte für die intensiven Eindrücke und resümierte: „Wir sind das, womit wir uns im Leben beschäftigt haben."

Solinger Tageblatt vom 05.02.2015 (Daniela Tobias)

   
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